Demokratie. Partizipation
INITIATIVEN ZUR FÖRDERUNG DER DEMOKRATIE
Alexis de Tocqueville, der Begründer der Vergleichenden Politikwissenschaften warnte bereits Mitte des 19. Jahrhunderts davor, dass sich Demokratie zu einer neuen Form der Despotie entwickeln könnte, wenn „alle Bürger gleich bequem, ängstlich und feige werden und wenn jeder sein eigenes Wohlergehen über das Gemeinwohl stellt“. Und: „Wenn sich Bürger ganz und gar in die Einsamkeit ihrer eigenen Herzen und im Eigennutz einschließen, wird die Demokratie letztlich in der Barbarei versinken.“
Karl Jaspers wies eindringlich darauf hin, dass Demokratie Information und Selbsterziehung der Bevölkerung bedeutet. Dass die Bevölkerung wissen müsse, was geschieht und lernen müsse nachzudenken, um zu urteilen. Demokratie, so Jaspers, heißt: “Den Prozess der Aufklärung ständig fördern.”
Als Medienschaffende fühlten sich Voitl und Guggenberger diesem Ziel verpflichtet. In Österreich waren sie Vorreiter und Pioniere des sogenannten „public journalism“ oder „citizen journalism“. Als sie 1973 mit dem langfristigen Dokumentarfilmprojekt „Planquadrat“ begannen, gab es diese Begriffe noch nicht, sie wurden erst 1980 vom amerikanischen Medienwissenschaftler Jay Rosen formuliert: Er ermunterte Medienschaffende über das reine Aufzeigen und Kommentieren von Sachverhalten auch hinauszugehen und forderte Medienschaffende auf, durch ihre Arbeit „das öffentliche Leben zu revitalisieren und den öffentlichen Dialog zu verstärken. Medienarbeiter könnten und sollten mehr tun, als bisher, um die Menschen als Staatsbürger zu aktivieren, die öffentliche Diskussion voranzutreiben und der Gemeinschaft dabei zu helfen, ihre Probleme zu lösen und damit die Demokratie zu stärken."
Mit Planquadrat Stadt und darauf folgenden weiteren filmischen Projekten haben Voitl und Guggenberger bewiesen, dass dies machbar ist. „Learning by doing“, ohne jegliche Theorie oder Praxisbeispiele als Anregung zu haben, entwickelten sie ab 1973 das was Jay Rosen unter public journalism forderte. Ausgestattet mit viel künstlerischem und kommunikativem Gespür fühlten sie sich als Dokumentarfilmer verpflichtet, ihre Arbeit als Beitrag zur Stärkung und Weiterentwicklung einer demokratischen Gesellschaft zu verstehen und als „Kommunikations-Stifter“ den gesellschaftlichen Zusammenhalt zu fördern.
Unter dem Titel „Planquadrat“ produzierten Voitl und Guggenberger in einem Wohnviertel in Wien ab 1974 kontinuierlich mehrere Dokumentarfilme zum Thema „Stadterneuerung“. Bei diesem Projekt waren sie nicht nur als Filmemacher aktiv, sondern sie brachten sich (im Sinne von „public journalism“) als Initiatoren eines Aktivierungsprozesses der Bewohner ein. Die Bewohner wurden animiert über eine Verbesserung des Wohnviertels nachzudenken und im Dialog mit der Stadtverwaltung auch zur neuen Realität werden zu lassen. Es sollten die Voraussetzungen für eine substantielle Veränderung und Verbesserung des Lebens in diesem Stadtviertel geschaffen werden. Voitl und Guggenberger sahen sich in diesen Prozess als „Kommunikations Stifter“. Ihre Impulse zu partizipativem Handeln führten schließlich tatsächlich zu einer Mitwirkung der Bewohner an der Planung der Stadtverwaltung, die schließlich die Erneuerung der Gebäude und die Grüngestaltung des Innenhofareals zur Folge hatte. „Planquadrat“ wurde laut Gemeinde Wien zum Modellfall, der die „Sanfte Stadterneuerung und die partizipative Planung” in Wien in Gang setzte.
Was bedeutet “Kommunikation-Stifter sein”:
Die moderne Zeit ist zunehmend durch Gleichgültigkeit, Resignation und Desinteresse am öffentlichen (gemeinschaftlichen) Leben geprägt. In seinem Buch „Die einsame Masse“ machte David Riesman auch die moderne Massenkommunikation dafür verantwortlich. Medienmacher vermitteln politisches Geschehen wie eine Ware, die zu konsumieren ist. Der Verbrauch solcher Informationen erzeugt oberflächlich zwar ein Gefühl der Informiertheit, speist aber bloß die „politische Pseudoaktivität am Stammtisch“: Über das Schimpfen und Wütend Sein kommen derart Informierte nicht hinaus. Sie lehnen Mitarbeit und Teilhabe am gemeinschaftlichen Leben ab, weil dies das „Geschäft der Politik“ sei und sie folgen schließlich den „Rattenfängern“ der politisch Extremen.
„Planquadrat“ wollte etwas dagegen setzen. Im kleinen, überschaubaren Bereich der Planquadrat-Probleme war ein Erfolg von vornherein zwar nicht garantiert, aber doch aussichtsreich. Als „Kommunikations-Stifter“ waren Voitl und Guggenberger daher auf vielfältige Weise darum bemüht Bürger, Politiker und Verwaltungsbeamte zu einem fruchtbaren Dialog zu bringen und waren erfolgreich. Ihre Form der Informationsvermittlung führte dazu, dass sich schließlich ca. 72% der Bewohner aktiv an den Mitbestimmungsprozessen mit der Wiener Stadtplanung beteiligten.
Bei ihren Arbeiten im Planquadrat orientierten sich Voitl und Guggenberger u.a. an den Lehren des brasilianischen Pädagogen Paulo Freire. Für ihn entstehen in prozessualen Kommunikationsprozessen und deren Wahrnehmung, Reflexion und Bewusstseinsbildung, die den Menschen zu Autonomie, Partizipation, also zum Homo Politicus befähigen.
Nach dem Planquadratprojekt in Wien wurden Voitl und Guggenberger im ländlichen Raum aktiv. Als „Planquadrat Ländlichen Raum“ wählten sie die Gemeinden Weitersfelden, Kaltenberg und Liebenau im oberösterreichischen Mühlviertel, sowie Langschlag und Groß Gerungs im niederösterreichischen Waldviertel. Diese fünf Gemeinden haben eine Gesamtfläche von rund 300 m2 Kilometer mit 11.350 Einwohnern. Das Gebiet war 1976 noch ein „Notstandsgebiet“, eine wirtschaftlich schwache Region nahe des „Eisernen Vorhangs“.
In dieser Region wollten Voitl und Guggenberger wieder Ideen und Lösungen für eine Verbesserung der Situation finden. Deshalb wurde die Bevölkerung zur Mitarbeit eingeladen. Um erstarrte Strukturen in Politik, Wirtschaft, Landwirtschaft und Kultur in Bewegungen zu bringen, setzten Voitl und Guggenberger, wie im ‘Planquadrat Stadt’, vielfältige Impulse und Anregungen, versandten regelmäßig schriftliche Informationen an alle Haushalte und veranstalteten Diskussionsabende in lokalen Wirtshäusern. Wieder wurde die Bevölkerung zur Mitwirkung am Filmschnitt eingeladen.
Was bewirkten diese Initiativen? Einige Beispiele:
In einem Dorf forderten junge Menschen von den Gemeindepolitikern mehr Transparenz und Partizipation. Nach heftigen Diskussionen stellte der Gemeinderat ein ‘Gemeinde-Parlament’ in Aussicht.
Frauen organisierten sich und produzierten traditionell gestrickte Westen, Strümpfe und Handschuhe. Traditionelle Webstühle wurden reaktiviert, um 'Fleckerlteppiche' herzustellen. Strickwaren, Teppiche, Korbwaren und Schnitzereien, sowie Lebensmittel aus bäuerlicher Produktion wurden gemeinschaftlich in Wien vermarktet.
Die Bewohner einer Gemeinde produzierten einen 8-mm Werbefilm zur Ansiedelung eines Textilbetriebes. Man hoffte auf die Schaffung von Arbeitsplätzen in der Region. Dieser Film war Bestandteil einer ‘Planquadrat-Sendung’.
Ein Verein ‘Pro Waldviertel’ wurde gegründet und ein überregionales Winterwochenende für Touristen organisiert; das Event wurde kooperativ durchgeführt, zum Beispiel boten Gasthäuser schwerpunktmäßig unterschiedliche ‘Schmankerl aus der Region’ an; durch eine gemeinsame Anstrengung konnte die Einstellung der Waldvierteler Schmalspurbahn verhindert werden. Der Vorschlag des Planquadrat Teams die Region als ‘Gesundheitslandschaft’ zu sehen und auch als solche zu bewerben, fand großen Anklang. Noch heute vermarktet sich ein Teil des oberen Waldviertel touristisch erfolgreich als ‘Xundheits-Landschaft’. Die Mehrheit der Landwirte produziert hier nach den Grundsätzen des Biologischen Landbaus, für dessen Verbreitung sich Voitl und Guggenberger ebenfalls intensiv engagierten.
Viele Bauern im Planquadrat zeigten sich aufgeschlossen, etwas über 'Biologische Landwirtschaft' zu erfahren und ihre Produktionsweise umzustellen. Heute ist das obere Waldviertel die Region mit der größten Anzahl von Bio-Betrieben in Österreich. Die mittlerweile entstandenen Kurhäuser kaufen ihre Lebensmittel von diesen regionalen Bio-Bauern.
Aus dem Projekt ’Planquadrat Land’ heraus entstand ab 1976 Voitl und Guggenbergers nächste Initiative: Die Förderung und Entwicklung des ’Biologischen Landbaus’, der 1976 in Österreich noch ein Schattendasein führte und von der konventionellen Landwirtschaft schief angesehen und abgelehnt wurde. Details → Biologischer Landbau.